Quartäre Bildung

Der Anteil der Akademiker an der erwerbstätigen Bevölkerung wächst kontinuierlich und mit ihm der Bedarf an quartärer, also wissenschaftlicher Weiterbildung. Ziel ist es deshalb, das Studienangebot bis 2020 flexibler zu gestalten und Hochschulen damit zu Orten des lebenslangen Lernens zu machen.

Der Wandel in der Arbeitswelt beschleunigt sich und damit der Bedarf, sich kontinuierlich mit seinen Fähigkeiten à jour zu halten. Und auch der Anteil der Akademiker an der erwerbstätigen Bevölkerung wächst und mit ihm das Interesse an quartärer, also wissenschaftlicher Weiterbildung. Hochschulen sind bislang allerdings nur sehr begrenzt im wachsenden Weiterbildungsmarkt aktiv, das Angebot an weiterbildenden und berufsbegleitenden Studiengängen ist insgesamt viel zu klein. Ziel in diesem Handlungsfeld ist es, wissenschaftliche Weiterbildung zu einem neuen, attraktiven Entwicklungsstrang des Hochschulsystems zu machen. Für Berufstätige ist es zunehmend wichtig, sich flexibel auf neue Aufgaben einstellen zu können, sowie Kenntnisse und Fähigkeiten kontinuierlich weiterzuentwickeln. Bis 2020 sollten daher der Anteil an Fern- und Teilzeitstudiengängen bundesweit deutlich steigen und es sollen 13.000 Studierende jährlich ein Weiterbildungsstudium abschließen.

  • Anteil Studierender im Weiterbildungsstudium stagniert
  • Anteil weiterbildender Master an allen Masterstudiengängen weiterhin gering
  • Anteil der Teilzeitstudierenden steigt
  • Ziele im Handlungsfeld erreicht bei Anzahl und Anteil der Absolventen in Weiterbildungsstudiengängen
  • Insbesondere große Universitäten könnten über weiterbildende Bachelorstudiengänge, eine kürzere Dauer von Weiterbildungsaktivitäten und Digitalisierung mehr Potenziale ausschöpfen

Indikatorenentwicklung 2010 bis 2015

Bezüglich der Interpretation der Indikatorenentwicklung zu diesem Themenfeld sind einige Probleme zu beachten: Dies fängt bereits bei den unterschiedlich verwendeten Begrifflichkeiten und Abgrenzungen an (zum Beispiel quartäre Bildung versus Weiterbildung versus Fortbildung versus Erwachsenenbildung und so weiter). Unter wissenschaftlicher Weiterbildung, die hier im Vordergrund steht, werden kostenpflichtige Weiterbildungsangebote verstanden im Sinne der Fortsetzung oder Wiederaufnahme organisierten Lernens nach Abschluss einer akademischen oder beruflichen Ausbildung, in der Regel nach Aufnahme einer Erwerbs- oder Familientätigkeit. Dabei soll die Qualität der Weiterbildungsangebote dem fachlichen und didaktischen Niveau der Hochschule entsprechen (vgl. Hochschulbarometer des Stifterverbandes 2017; ausführlicher zum Beispiel Schaeper et al. 2006, S. 92f., ursprünglich HRK 1993). Diese Definition ist allerdings mit den im Jahresturnus verfügbaren Daten des Statistischen Bundesamtes nicht abbildbar. Beispielsweise werden nur Daten zu Studierenden in weiterbildenden Masterstudiengängen erfasst, nicht jedoch zu weiterbildenden Bachelorstudiengängen, wie sie in der Regel von privaten Hochschulen angeboten werden, und nicht zu Zertifikatskursen oder einzelnen Weiterbildungsmodulen, wie sie in Angeboten der wissenschaftlichen Weiterbildung üblich sind (vgl. Hanft et al. 2015, DGWF 2010). Das Angebot an Teilzeitstudiengängen, das ebenfalls als Indikator herangezogen wird, zielt nur zum Teil auf die Gruppe der Weiterbildungsstudierenden ab, es richtet sich ebenso an andere Zielgruppen, beispielsweise Studierende mit Kind. Berufsbegleitende Studiengänge sind im Gegensatz zu Teilzeitstudiengängen so konzipiert, dass sie neben einer Berufstätigkeit, also in den Tagesrandzeiten und am Wochenende, studiert werden können. Für berufsbegleitende Studiengänge sind keine Studierendenzahlen verfügbar. Insgesamt gesehen ist die Datenlage als unbefriedigend einzuschätzen und die hier verwendeten Indikatoren können aufgrund ihrer Begrenztheit nur als Proxy-Indikatoren für einen Ausschnitt der Situation gelten.

Der Index für das Handlungsfeld Quartäre Bildung ist im Vergleich zum Vorjahr von 19 auf 27 Punkte gestiegen und entwickelte sich damit stärker als in den Vorjahren. Allerdings liegt dieser Wert deutlich unter der Zielmarke von 50 Punkten. Zur Erreichung des Gesamtziels bis 2020 müsste der Index in den nächsten Jahren um jährlich 15 Punkte ansteigen.

Der Anteil Studierender in Weiterbildungsstudiengängen stagniert auch 2015 bei 1,4 Prozent (Zielerreichung: 10 Punkte). Voll im Soll ist hingegen die Anzahl der Absolventen in Weiterbildungsstudiengängen: Deren Zahl ist seit 2010 jährlich um 12 Prozent auf rund 9.200 in dem Jahr 2015 gestiegen (Zielerreichung: 54 Punkte). Im Vergleich zu 2010 auf 2,9 Prozent hat sich auch der Anteil der Absolventen in Weiterbildungsstudiengängen 2015 nahezu verdoppelt (Zielerreichung: 57 Punkte).

Der Anteil der (formal) Teilzeitstudierenden an allen Studierenden ist zwar mit 6,8 Prozent in dem Jahr 2015 im Vergleich zu 2010 (5,3 Prozent) gestiegen, allerdings in den vergangenen Jahren nur sehr langsam (Zielerreichung 19 Punkte). Zuzüglich der Studierenden in Vollzeit-Studiengängen, die sich aufgrund ihrer zeitlichen Investition in das Studium selbst als Teilzeit-Studierende einstufen (informelle Teilzeit), steigt der Anteil der Immatrikulierten im (selbst berichteten) Teilzeit-Studium auf insgesamt acht Prozent (vgl. Middendorff et al. 2017, S. 15). Demgegenüber ist der Anteil der De-facto-Teilzeitstudierenden (erfasst als der Anteil derjenigen Studierenden, die in ihrem Zeitbudget angaben, weniger als 25 Stunden pro Woche für ihr Studium aufzuwenden) in den vergangenen drei Jahren um 7 Prozentpunkte auf einen neuen Höchststand von 29 Prozent gestiegen (vgl. Middendorff et al. 2017, S. 58). An einer grundsätzlich vorhandenen Nachfrage nach Teilzeitstudienangeboten mangelt es demnach nicht.

Auf der Seite der Nachfrageorientierung ist der Anteil weiterbildender Masterstudiengänge anfangs zwar leicht gestiegen, stagniert aber auch 2015 bei 10,4 Prozent (Zielerreichung: 15 Punkte). Der Anteil berufsbegleitender Bachelorstudiengänge liegt 2015 bei 4,5 Prozent, Tendenz steigend (Zielerreichung: 31 Punkte). Etwa doppelt so hoch liegt der Anteil berufsbegleitender Masterstudiengänge mit 7,8 Prozent in dem Jahr 2015 (Zielerreichung: 47 Punkte, nach 4,2 Prozent in dem Jahr 2010). Der Anteil der Teilzeitstudiengänge an allen Studiengängen hat sich zwar mit 10,9 Prozent in dem Jahr 2015 im Vergleich zu 2010 (5,3 Prozent) verdoppelt, allerdings ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau. Damit ist der Indikator immer noch deutlich von der Zielmarke von 50 Punkten zur Halbzeitbilanz entfernt (Zielerreichung: 21 Punkte).

 

Kommentar von Ada Pellert, Rektorin der Fernuniversität Hagen

Status quo
Die quartären Bildungsangebote nehmen eindeutig Fahrt auf. Das ist auch ablesbar am Index, der sich stärker entwickelt als in den Vorjahren, wenn auch noch ein großer Abstand zu den Zielgrößen zu verzeichnen ist. Am Beispiel der verwendeten Indikatoren zeigt sich ein Grundproblem des Handlungsfelds: Die zugrunde gelegten Definitionen und Begrifflichkeiten. Schon der Begriff quartäre Bildung ist ein Kunstgriff, um ein äußerst heterogenes Handlungsfeld zu beschreiben. Selbst bei der engeren Definition der wissenschaftlichen Weiterbildung ist zumeist nicht geklärt, ob sich die Wissenschaftlichkeit auf die Anbieter oder auf den postgradualen Status der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bezieht. Auch Teilzeitstudium, flexibles Studium, berufsbegleitende Angebote werden oftmals nicht trennscharf verwendet. Die Arbeit an der Schärfung der Begrifflichkeiten wird mit dem Wachstum des Feldes umso dringlicher.

Der Bund-Länder-Wettbewerb Aufstieg durch Bildung – Offene Hochschulen hat in den letzten vier Jahren Bewegung ins Feld gebracht. Zum einen erproben sich damit viele öffentliche Hochschulen in diesem für sie neuen Feld, zum anderen werden unzulängliche Rahmenbedingungen und finanzielle und rechtliche Fragen an die hochschulpolitische Oberfläche befördert. An den Hochschulen ist es oftmals eine Frage der mangelnden akademischen Reputation, die hinderlich für die Weiterentwicklung wirkt. Anders als im englischsprachigen Ausland, wo oft gerade forschungsstarke Universitäten in die Professional Studies investieren – nicht zuletzt, um über den Kontakt zu vielen Berufsfeldern interessante Forschungsfragen zu generieren – sind es hierzulande häufig kleine bis mittlere Hochschulen, die die Chancen der quartären Bildung für sich entdecken und ein entsprechendes institutionelles Commitment entwickeln. Zunehmend beginnen die großen Forschungsuniversitäten nachzuziehen, um nicht den internationalen Anschluss zu verlieren.

Herausforderungen
Eine Besonderheit des Handlungsfeldes ist die Finanzierung. Explizit weiterbildende Studienangebote der Hochschulen sind aus wettbewerbsrechtlichen Gründen als wirtschaftliche Aktivitäten der Hochschulen zu betrachten und müssen daher kostendeckend durchgeführt werden. So entsteht eine angesichts des volkswirtschaftlich notwendigen lebenslangen Lernens bildungspolitisch nicht ganz überzeugende Lagerteilung zwischen gebührenfreien grundständigen Bachelor- und konsekutiven Masterprogrammen und kostenpflichtigen Masterstudiengängen. Auch aus diesem Grund weicht ein Teil der Nachfrage in die grundständigen Studien aus  bzw. findet sich bei den ökonomisch erfolgreichen weiterbildenden Masterprogrammen nur ein bestimmtes Themenspektrum (zum Beispiel Management, Technik).

Auch andere Rahmenbedingungen – wie die Bafög-Finanzierung oder internationale Austauschprogramme – gehen immer noch von der klassischen studentischen Bildungsbiografie und nicht von sich über einen längeren Zeitraum abwechselnden Bildungs- und Berufsphasen aus. Auch sind die Regelungen der jeweiligen Bundesländer sehr unterschiedlich – so gibt es nur in einzelnen Ländern weiterbildende Bachelorstudiengänge. In den staatlichen Ziel- und Leistungsvereinbarungen wird auf dieses zu den Kernaufgaben der Hochschulen zählende Feld unterschiedlich Wert gelegt. Auch die Frage, ob ein Engagement in der Weiterbildung auf das Lehrdeputat von Hochschullehrenden angerechnet werden kann oder ob es jedenfalls eine zusätzlich zu honorierende Nebentätigkeit ist, ist unterschiedlich geregelt. Die Arbeit an adäquaten Rahmenbedingungen für die Aufgabe Weiterbildung bleibt eine wichtige institutionelle und hochschulpolitische Herausforderung.

Berufsbegleitend Studieren – private Fachhochschulen gehen voran
(Fokus 2016)

Arbeitnehmer wünschen sich vermehrt Formen der akademischen Weiterbildung, die parallel zur Berufstätigkeit durchgeführt werden können.

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Akademische Weiterbildung für internationale Studierende
(Fokus 2015)

Die Zahl der Ausländer in Weiterbildungsstudiengängen in Deutschland steigt. Das birgt große Chancen, das Marktpotenzial für die akademische Weiterbildung deutlich zu erhöhen.

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Trend zur digitalen Bildung
(Fokus 2014)

Die Akademische Weiterbildung hat im Jahr 2012 den größten Sprung nach vorn gemacht. Der Teilindex Quartäre Bildung stieg um 8 auf 12 Punkte. Insbesondere die Flexibilisierung der Hochschulbildung hat sich Deutschland positiv weiterentwickelt, Fern-, Teilzeit- und Weiterbildungsstudiengänge wurden 2012 kräftig ausgebaut.

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Gesichter der Bildungsrepublik

Was bedeutet quartäre Bildung und lebenslanges Lernen für Hochschulen und Unternehmen?

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Zukunftsmacher, die im Handlungsfeld Quartäre Bildung bereits Vorbildliches leisten

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Strategiewettbewerb "Hochschulbildung und Digitalisierung"

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